Lebensbücher

Das Lebensbuch unseres Sohnes ist wohl der größte Schatz, den wir für ihn haben. Es ist ein über 40seitiges Scrapbook mit den Fotos seiner ersten Familie und all den Informationen, die wir über seine erste Familie für ihn zusammentragen konnten. Er ist extrem stolz auf sein Buch, denn es ist „Mein Buch“ für ihn!

Wenn man in Deutschland überhaupt von Lebens- oder Erinnerungsbüchern liest, kommt man schnell zum Thema Biographiearbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern und wie Erinnerungsbücher in diesem Zusammenhang eingesetzt werden können. Natürlich kenne ich Biographiearbeit aus sozialpädagogischer Perspektive, aber dieser Ansatz war einfach nicht der, den ich mir für „unser Lebensbuch“ vorstellen konnte. Diese Art Leben- oder Erinnerungsbücher sind für mich sehr sinnvolle Arbeitsbücher für Adoptiv- und Pflegekinder in dem Prozess ihre eigene Geschichte selbst zu verstehen und kennen zu lernen aber eben nicht das, was ich ganz persönlich meinem Sohn mit auf den Weg geben wollte. Als mein ganz persönliches Geschenk, das eben das widerspiegelt, was mir so wichtig ist und in das ich all die Liebe aber auch Trauer, Freude und Anerkennung hineinlegen kann, die ich empfinde.

Fündig geworden bin ich letztlich auf der Website und im Buch von Beth O’Malley aus den USA, die schon viele Jahre Adoptiveltern beim Erstellen von eben solchen ganz individuellen ganz persönlichen Schätzen hilft, die Adoptiveltern (wohl oft die Mütter) ihren Kindern mit auf den Weg geben. In ihren Vorschlägen wurde all das Realität, was ich mir für unseren Sohn als Lebensbuch gewünscht habe!

Ganz vorn auf unserem Lebensbuch steht:

„Wir waren nicht dabei, als Du das erste Mal geweint hast, aber wir sind hier, um von jetzt an Deine Tränen zu trocknen.
Wir waren nicht dabei bei deinem ersten Schritt, aber wir sind hier, um Dich auf allen weiteren zu begleiten.
Wir waren nicht dabei, als Du Dein erstes Wort gesprochen hast, aber wir sind hier, um alle zukünftigen Worte von Dir zu hören.
Wir waren nicht dabei, um Deine ersten Meilensteine mitzuerleben, aber wir sind hier, um die Eckpfeiler für Dein Leben zu setzen.
Wir waren es nicht, die Dir Wurzeln zum Wachsen gegeben haben, aber wir sind hier, um Dir Flügel zum Fliegen zu geben.
Wir sind es nicht, mit denen Du viele Erinnerung in diesem Buch teilst, aber wir versprechen, Dir zu helfen, gerade diese zu bewahren.
Das ist unser Versprechen an unseren Sohn. Sein Lebensbuch ist nur einer der Schritte, die wir gehen, um es einzulösen.“

Hier geht es zu einer kurzen Zusammenfassung von Beth O’Malley was ein Lebensbuch ist!

Unser Lebensbuch

Da ich in der Zwischenzeit sehr häufig gefragt werde, wie denn so ein Lebensbuch ganz praktisch erstellt werden kann, hier nun auch dazu ein paar mehr Informationen, wie das Lebensbuch unseres Sohnes aussieht und worauf wir ganz besonders geachtet haben. Ein paar Impressionen aus seinem Lebensbuch haben wir in einem Video zusammengestellt. Manche zu persönliche Seiten haben wir ersetzt oder weggelassen. Bilder und Texte haben wir vollständig weggeblendet, denn diese gehören nur unserem Sohn allein! Trotzdem viel Spaß beim Schauen! Aber gleich vorweg: jedes Lebensbuch ist anders und es gibt sicher kein Patentrezept, weil es hierfür einfach viel zu individuell ist (Siehe auch: Carrie Kitze über Lifebooks)! Der Kreativität, die Geschichte und die Wurzeln des jeweiligen Kindes in Form eines Lebensbuches „einzufangen“, sind dabei kaum Grenzen gesetzt und am wichtigsten ist, dass man das Buch zu einem Schatz für das Kind, den späteren Teenager und Erwachsenen macht.

 

Warum ein Scrapbook-Album?:

Album_Collage (640x640)Weil man auch nachträglich noch zusätzliche Seiten einfügen kann, z.B. wenn man erst später neue Informationen über oder auch Fotos von der ersten Familie erhält oder auch um später z.B. Seiten mit einfügen zu können, die unser Sohn selbst oder vielleicht seine erste Familie für ihn gestaltet. Bei uns war das ganz extrem der Fall und wir sind froh, dass wir nachträglich noch sehr sehr viele zusätzliche Seiten mit Fotos einfügen konnten und können.

Auch ein Umsortieren der Seiten oder ein (zeitweiliges) Rausnehmen einzelner Seiten, wenn unser Sohn das irgendwann möchte, wären damit möglich, weil sich ja doch Prioritäten und Gefühle im Hinblick auf Dinge, die im Buch stehen, ändern können. Außerdem lassen sich auf diese Weise z.B. auch später noch Informationen, die sich z.B. als unvollständig oder sogar falsch herausstellen austauschen oder eben ergänzen.

Außerdem arbeiten Scrapbook-Alben mit Klarsichtfolien, die für uns deshalb so wichtig waren, weil das Buch für unseren Sohn jeder Zeit zur Verfügung stehen sollte und steht und da kann man nun mal nicht immer verhindern, dass die Hände auch mal voll Farbe, Schokolade oder auch Eis sind oder halt mal eine Tasse Kakao den Weg in Richtung Buch findet.

Das Arbeiten mit diesen Folien hat zudem den Vorteil, dass die eigentlichen Scrapbook-Seiten leicht einzeln herausnehmbar und damit relativ leicht einscann- oder kopierbar sind, was eine gute Möglichkeit ist, wenn man doch an der einen oder anderen Stelle Originaldokumente im Buch aufbewahren und diese dann doch lieber sicher aufbewahren möchte. Wir haben oft darüber nachgedacht, das Buch unseres Sohnes abzufotografieren oder einscannen zu lassen, damit er „nur“ noch eine Kopie frei zugänglich hat. Die „kritische“ Zeit war aber sehr schnell vorbei und er geht sehr sehr sorgsam mit dem Original um, so dass wir maximal später für uns eine Kopie davon machen werden, wenn wir es vollständig an unseren Sohn übergeben.

Alternativen:

Alternativ geht sicher auch ein normales Fotoalbum, wobei da natürlich nachträglich nichts mehr an der Reihenfolge der Einträge verändert werden kann. Gleiches gilt für elektronisch erstellte Fotobücher nach dem Druck, Ringbücher und alle anderen Arten von festen Bindungen. Gerade elektronisch erstellte Fotobücher haben natürlich den Vorteil, dass man diese in unterschiedlichen Qualitäten und Größen drucken lassen kann und eben nicht nur ein Einzelstück hat und besonders Echtfotopapier auch gut Kinderhänden standhält.

Auch möglich sind D-Ring-Alben/ Ringordner, die es ja auch in sehr schönen Varianten gibt. Wir haben uns dagegen entschieden, weil wir einerseits das quadratische Format einem A4-Format vorziehen und die großen quadratischen Seiten mit Verzierungen usw. schnell zu schwer für die 2-Loch-Bindung werden und die Seiten beim Tragen und Anschauen dann im Album verrutschen.

Selbst- oder vom Buchbinder gebundene Bücher sind natürlich auch eine sehr schöne und individuelle Variante, bei der man besonders mit den Formaten spielen kann. Mir hat immer ein selbst mit Kordeln o.ä. gebundenes Buch mit horizontal liegenden A3-Seiten aus Zeichenkarton vorgeschwebt, weil ich dies aus einem anderen Kontext kannte und mir diese Idee gerade gut gefallen hat, um auch mit unserem Sohn zusammen- oder selbstgemachte Seiten von ihm einzufügen. Man sollte für sich halt immer die Vor- und Nachteile der jeweiligen Variante abwägen und dann entscheiden.

Hier gibt es mehr zu Lebensbüchern …

Bücher:

  • Birgit Lattschar; Irmela Wiemann, Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte: Grundlagen und Praxis der Biografiearbeit
  • Isabel Morgenstern; Memory Biographie- und Schreibwerkstatt e.V., Projekt Lebensbuch: Biografiearbeit mit Jugendlichen
  • Beth O’Malley, Lifebooks: Creating a Treasure for the Adopted Child (hier geht’s zu einer Zusammenfassung)
  • Tony Ryan, Rodger Walker, Wo gehöre ich hin?: Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen
  • Susan Tebos, Carissa R. Woodwyk, Before You Were Mine: Discovering Your Adopted Child’s Lifestory
  • Monika Wiedemann-Kaiser, Die Himmelsrutsche: Geschichten von verlassenen Kindern, die neue Eltern suchen

Websites und Vorlagen:

Beispiele: